Archiv für die Kategorie ‘Vermischtes’

Kleine Lehrstunde in Medienmanipulation

Veröffentlicht: 27.04.2012 in Vermischtes

Auch im 21. Jahrhundert gilt immer noch die alte Binsenweisheit, dass ein Bild mehr sagt als tausend Worte. Dass Fotojournalisten nicht gerade für ihre Pietät bekannt sind und man durch die Wahl des Bildausschnittes die Aussage eines Bildes ins Gegenteil verkehren kann, ist zwar hinlänglich bekannt, macht es aber nicht leichter, sich der Macht der Bilder zu entziehen.

Ein subtiles Beispiel findet sich gerade auf SPIEGEL ONLINE. Dort findet sich das folgende Foto von Angela Merkel:

Das Bild hätte unglücklicher kaum getroffen sein können. Zum Vergleich nehme man das Foto auf ihrer eigenen Homepage: freundlich strahlt uns die Mutter der Nation entgegen. Beim Spiegel denkt man hingegen unwillkürlich an eine sabbernde Bulldogge. Die Assoziation beim Lesen des Artikels ist: Frau Merkel greift den sozalisistischen Präsidentschaftskandidaten der Franzosen an; kläffende Töle. So kann man eine Aussage machen, ohne ein einziges Wort zu gebrauchen. Dass diese Art der Bildauswahl kein Zufall ist, beweist ein kleiner Google-Ausflug durch die Medien. Politiker unter Druck? Foto vor dunklem Hintergrund mit der Person am Bildrand. Die Aussage: der steht allein. Liebling der Medien feiert seinen Erfolg: strahlendes, sympathisches Lächeln und Siegerpose. Man vergleiche auch zum Spaß mal die Bildauswahl auf SPIEGEL ONLINE bei Barack Obama, Demokrat, und George W. Bush, Republikaner.

Natürlich darf ein Bild den Tenor eines Artikels widerspiegeln. Aber man kann wohl getrost davon ausgehen, dass Frau Merkel nicht minutenlang mit dieser Fratze am Mikro stand und Furzgeräusche Richtung Frankreich gemacht hat. Also hat ein Redakteur dutzende, vielleicht sogar hunderte Bilder  gesichtet, bis ihm dieser verunglückte Schnappschuss in die Hände fiel, und sich dann gedacht: ja, das nehme ich. Da sieht sie scheiße aus. Für mich grenzt das schon an Verunglimpfung.

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Hybris

Veröffentlicht: 24.11.2011 in Vermischtes
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Spiegel Online berichtete heute über einen tödlichen Fehler, der Ärzten in einer australischen Klinik unterlaufen ist. Eine Frau war mit Zwillingen schwanger. Eines der Kinder hatte wohl einen schweren Herzfehler, so dass die Ärzte ihm „keine Überlebenschance“ einräumten. Also raten die Mediziner zu einer Abtreibung, wohl um die Chancen des gesunden Kindes zu erhöhen — eine Zwillingsschwangerschaft ist nicht nur für die Mutter, sonden auch für die Kinder eine besondere Belastung. Die Abtreibung wird durchgeführt, aber leider töten die Ärzte im ersten Versuch das falsche Kind. Also wird flugs ein Kaiserschnitt gemacht, das zweite Kind auch noch „entfernt“ (wörtliches Zitat aus dem Artikel). Und so steht die Mutter jetzt ganz ohne Kinder da. Die Ärzte sind untröstlich.

Ich will gar nicht über das Für und Wider von Abtreibung im Allgemeinen diskutieren. Das haben andere schon vor mir getan. Mich erinnert dieser Fall aber an ein anderes Kind, das vor vielen Jahren mit einem schweren Herzfehler und obendrein einer massiven Missbildung der Wirbelsäule zur Welt kam. Die Ärzte räumten damals dem Kind auch keine Überlebenschance ein und rechneten mit dem Tod noch im Mutterleib. Das Kind war übrigens meine Oma. Sie ist deutlich über 80 Jahre alt geworden und hat selbst drei Kinder zur Welt gebracht, mit einem Dutzend Enkeln. Das ist für mich der eigentliche Skandal: Woher nehmen diese Ärzte die Selbstgefälligkeit, die potenzielle Lebensunfähigkeit eines Kindes festzustellen und in einer Art selbsterfüllender Prophezeihung direkt zur Tat zu schreiten, wenn ihre Kompetenz nicht einmal ausreicht, die beiden Kinder ausreichend zuverlässig voneinander zu unterscheiden? Was ist, wenn sie sich nicht nur beim Eingriff geirrt haben, sondern schon ihre erste Prognose ein Irrtum war?

Ich kann nur hoffen, dass die Ärzte aus dieser Geschichte eine Lehre ziehen. Teuer genug bezahlt ist sie ja — mit dem Blut zweier Kinder.