Mathematische Spiele mit Atomkraft

Veröffentlicht: 17.03.2011 in Politik
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Da zur Zeit wieder einmal ganz Deutschland wegen der Gefahr durch Atomenergie ins Hyperventilieren kommt, kam in mir die mathematische Neugier hoch, welchem Risiko wir denn hierzulande ausgesetzt sind. Zugegeben, das ist eigentlich eine Frage für einen Experten der Reaktorsicherheit, aber dank Internet kann ich hier meine ganz persönliche Milchmädchenrechnung aufstellen.

Wir können davon ausgehen, dass Unfälle unabhängig voneinander passieren, also (anders als Frau Merkel andeutet) ein Zwischenfall in Japan nicht dazu führt, dass europäische Kraftwerke unsicherer werden. Damit sind die Störfälle aus stochastischer Sicht ein Poisson-Prozess. Die Frage ist, welche Intensität dieser Prozess hat, also wie häufig ein Ereignis eintritt.

Der erste Kernreaktor wurde 1942 gebaut. Seither gab es drei schwere Unfälle, bei denen signifikante Mengen an Radioaktivität in die Umwelt entwichen sind: Der Kyschtym-Unfall vom 29. September 1957, die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 und die aktuelle Unfallserie im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi. Damit hätten wir im Schnitt alle 23 Jahre irgendwo auf der Welt einen schweren Unfall. Man kann argumentieren, dass die Zahl zu hoch gegriffen ist, weil die Reaktorsicherheit kontinuierlich verbessert wurde, oder dass die Zahl zu niedrig ist, weil in den letzten Jahren immer mehr Kraftwerke gebaut wurden. Einigen wir uns auf Unentschieden.

Im Jahr 2010 gab es insgesamt 443 Kernkraftwerke weltweit, davon 17 Kernkraftwerke in Deutschland. Wenn wir jetzt der Einfachheit halber davon ausgehen, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Zwischenfall in allen Kraftwerken gleich ist, haben wir für einen zukünftigen schweren Unfall eine Wahrscheinlichkeit von etwa 3,8%, dass ein deutsches Kraftwerk betroffen ist. Diese Zahl ist aller Voraussicht nach unfair hoch, weil ein Kernreaktor an einer tsunami-gefährdeten Küste in einem der aktivsten Erdbebengebiete der Welt garantiert einem größeren Risiko ausgesetzt ist als in der norddeutschen Tiefebene. Aber gut, nehmen wir mal an, dass die deutschen Kraftwerksbetreiber dafür sorgloser und fahrlässiger mit ihrer Technik umgehen. Unter diesen Voraussetzungen dürfte etwa jeder 26. schwere Unfall in Deutschland stattfinden, was einem Unfall alle 600 Jahre entspräche. Mit einer 50:50-Chance dauert es noch rund 400 Jahre bis zum ersten gefährlichen Zwischenfall. Die Wahrscheinlichkeit für einen Unfall im kommenden Jahr ist unter diesen Voraussetzungen laut Statistik des BKA ungefähr halb so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass ich im gleichen Zeitraum Opfer einer Gewalttat (Körperverletzung, Raub, Vergewaltigung, Totschlag oder Mord) werde.

Sind diese Zahlenspielereien jetzt ein Argument für oder gegen Atomkraft? Vermutlich weder noch, dafür sind die Rechnungen alle viel zu sehr aus dem Ärmel geschüttelt. Und wenn es knallt, sind Statistiken sowieso nur ein schwacher Trost für die Hinterbliebenen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die ganze Debatte trotz oder gerade vor dem Hintergrund der Ereignisse in Japan viel zu hoch aufgehängt wird. Ich begrüße es sehr, wenn unsere Kernkraftwerke zum Wohl der Umwelt durch regenerative Energiequellen ersetzt werden. Aber ich habe keine Angst vor radioaktiver Verstrahlung, genauso wenig wie ich mir zum Schutz vor Kriminellen eine Waffe kaufen werde.

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Kommentare
  1. Achim sagt:

    Das ist genau das Problem an der aktuellen Diskussion: Die Situation hat sich nicht verändert, die „Sicherheitslage“ hat sich nicht verändert, das Risiko hat sich nicht verändert. Das einzige, was sich verändert hat, ist die Wahrnehmung. Dem bisher schön abstrakten Wort „Restrisiko“ kann nun jeder Mensch ein unangenehmes Bild zuordnen, weshalb das Restrisiko plötzlich in der Diskussion eine signifikante Rolle spielt.
    Das völlig identische Restrisiko gab es aber auch schon vor 6 Monaten, als man den Ausstieg aus dem Atomausstieg beschlossen hat und am Restrisiko wird sich auch nichts verändert haben, wenn man in 3 Monaten zu dem Schluss kommt, dass die deutschen Atomkraftwerke „die sichersten der Welt“ sind. 😉

  2. Zeh Kah sagt:

    Würde gerne mal wieder was von dir lesen 😉

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